Ressort: Games
Datum: 25. Juli 2017
Autor: Matthias Probst

What Remains of Edith Finch

So werden Geschichten erzählt

Taschentücher bereithalten: Spielerisch wenig fordernd, emotional dafür umso mehr. Als letzte Überlebende einer Familie geht es darum, die Geheimnisse seiner eigenen Vergangenheit zu lüften – ein Meisterwerk der Erzählkunst.
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Edith ist 17. Sie ist alleine. Ihre Familie: tot. Warum? Das dürfen Spieler in „What Remains of Edith Finch“ herausfinden – nun auch endlich auf der Xbox One, nachdem das Spiel bereits seit einigen Wochen auf der PS 4 und dem PC zu haben war.
 
Sehr behutsam erzählen die Entwickler von Giant Sparrow in ihrem Titel eine berührende Geschichte rund um eine schicksalsgebeutelte Familie. Die 17-jährige Edith Finch kehrt nach sechs Jahren wieder an den Ort ihrer Kindheit zurück, um das dort Geschehene zu verstehen. Als sie das abgelegene Haus im Hinterland von Washington State besucht, erfährt sie – und damit auch der Spieler – welches Schicksal die anderen Familienmitglieder ereilt hat. Tagebucheinträge lassen Edith die letzten Momente der jeweiligen Verwandten miterleben. Diese werden nicht nur vorgelesen, sondern aktiv nachgespielt, was dem Ganzen eine besondere Tiefe verleiht. Mit dem Wissen, dass die jeweiligen Familienmitglieder nach jeder Episode der Tod ereilen wird, entsteht ein mulmiges Gefühl. Jedoch berührt die gesamte Story dadurch auf eine einzigartige Weise.
 
Melancholisch und spannend.
 
Wer jetzt an ein Horror- oder Survival-Spiel á la „Resident Evil“ denkt, könnte kaum mehr danebenliegen. „What Remains of Edith Finch“ spielt sich eher wie ein interaktives Märchenbuch, in dem manchmal schreckliche Dinge passieren – ohne diese jedoch genau zu verbildlichen. Vieles spielt sich im Kopf des Spielers ab. Gruselig wird es dabei selten – eher herzzerreißend und packend. 

Spielerisch ist der Titel nicht sonderlich fordernd: Aus der Ego-Perspektive bewegt sich Edith durch die unterschiedlichen Zimmer des Familienanwesens und löst mit der Schultertaste des Controllers Ereignisse oder Aktionen aus. Daher ist der Titel für Gelegenheitsspieler durchaus geeignet – aber auch Zockerprofis sollten sich diese Softwareperle nicht entgehen lassen. Denn was Edith über ihre Vergangenheit erfährt, ist von Anfang bis Ende faszinierend präsentiert. Die Frage nach dem Schicksal der Finches motiviert ungemein. Die jeweiligen Kurzgeschichten, die Edith in den Tagebüchern der ehemaligen Hausbewohner entdeckt, bringen zudem Abwechslung in den sonst gemächlichen Spielablauf: Welch kurios erzählten Abenteuern sie dabei begegnet, sollte jeder selbst herausfinden, da dies einen wesentlichen Reiz des Spiels ausmacht.
 
Während sich Edith durch ihr altes Zuhause bewegt, erklären ihre Gedanken dem Spieler immer wieder die Besonderheiten bestimmter Räume oder Objekte. Das dadurch gezeichnete Bild vermittelt ein gutes Gefühl für den einstigen Zusammenhalt unter den Familienmitgliedern – und macht den späteren Untergang dieser Familie umso tragischer. Zu Beginn fallen triviale Dinge wie dutzend aufeinandergestapelte Tunfischdosen kaum auf, gewinnen im weiteren Spielverlauf aber immer mehr an Bedeutung, da sie zeigen, wie sehr sich die Entwickler beim Erzählen ihrer melancholischen Geschichte Gedanken gemacht haben. Allein aus diesem Grund lohnen sich die rund fünf Stunden fürs (erste) Durchspielen.
 
Grafisch darf sich der Indie-Titel ebenfalls blicken lassen: Im und um das Anwesen der Finches entsteht durch die vielen kleinen Details eine authentische Umgebung. Scharfe Texturen und ein interessantes Design der Umwelt tragen zur Spieltiefe bei. Diesen Details verdankt der Titel letztendlich auch, dass sich Spieler sehr in das Geschehen hineinversetzt fühlen. Einfach bezaubernd.
 
Große Emotionen in digitaler Form.
 
Manche mögen „What Remains of Edith Finch“ scherzhafterweise als „Walking Simulator“ – also als einen „Wander-Simulator“ – abstempeln, da es aus spielerischer Sicht wenig zu tun gibt. Betrachtet ihr das Spiel jedoch als interaktiven Film, in dem ihr die Reihenfolge der Ereignisse eingeschränkt mitbestimmen dürft, so trifft das schon eher den Kern. Im Zentrum steht jedenfalls eine spannende, wenn auch sehr traurige Geschichte, die noch lange im Gedächtnis bleiben wird, nachdem der Abspann schon längst vorüber ist. Sollte das die neue Art sein, wie Geschichten künftig erzählt werden, dann können sich Spieler auf eine rosige Zukunft gefasst machen. Für mich gehört „What Remains of Edith Finch“ damit bereits jetzt zu den Top-Ten des Jahres.
 
Erhältlich für: Xbox One, PS 4, PC
Website: giantsparrow.com/games/finch
 

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